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Schwein mit Maske als Titelbild für Artikel über Zoonosen

Zoonosen: Krankheiten aus dem Tierreich und was wir aus Corona lernen könn(t)en

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17. Juli 2020

Die Covid-19-Pandemie, die seit einem halben Jahr Gesundheitssysteme auf der ganzen Welt einem Belastungstest unterzieht und nebenbei die Wirtschaftsleistung ganzer Volkswirtschaften pulverisiert, war eine Krise mit Ansage. Seit Jahrzehnten warnen Wissenschaftler vor der Gefahr durch Krankheiten aus dem Tierreich und genau dem Szenario, das sich jetzt rund um den Globus entfaltet. Wer für das ganze Fiasko verantwortlich ist, stand für viele Menschen schnell fest: China und seine Wildtiermärkte und Fledermäuse. Dabei ist das Problem von Krankheiten aus dem Tierreich deutlich vielschichtiger und berührt ganz wesentlich auch die Frage, wie wir allgemein mit Tieren umgehen.

Wir müssen reden!

Langsam kommen wir heraus aus der Phase der akuten Krisenbewältigung, in der es naturgemäß wenig Empfänglichkeit für Grundsatzdebatten gibt. Wir kommen nun in eine Zeit, in der über Schlüsse aus den letzten Monaten gesprochen werden kann: über das Krisenmanagement der Politik, über den Zustand des Gesundheitswesens, über die Verhältnismäßigkeit von Einschränkungen des öffentlichen Lebens und schließlich auch über die Globalisierung und die Diversifikation von Wertschöpfungsketten. Es ist noch nicht ausgemacht, dass die Gesellschaft in dieser Zeit auch ernsthaft über den Kern des Übels sprechen wird: darüber, dass der Mensch immer tiefer in den Lebensraum der Tiere eindringt und so Schnittstellen für die Übertragung neuer Krankheiten schafft.

Die deutsche Fleischwirtschaft mit Tönnies an der Spitze hat es durch ihr Geschäftsgebaren geschafft, dass zurzeit tatsächlich viel über Tierhaltung geschrieben und gesprochen wird. Doch im Wesentlichen ist das eine Debatte über Arbeits- und Sozialstandards. Der Tierwohl-Aspekt kommt dabei kaum vor – und ebenso wenig die Rolle der Tierhaltung bei der Entstehung von Pandemien. Wenn Vertreter der Politik in den letzten Wochen überhaupt das Mensch-Tier-Verhältnis angesprochen haben, dann meist nur oberflächlich. Sie haben sich dann damit begnügt, die Schließung von Wildtiermärkten im fernen Asien zu fordern oder über die Ausrottung von Fledermäusen zu sinnieren. Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Thema würde aber erfordern, auch die industrielle Haltung von sogenannten Nutztieren einzubeziehen.

Covid-19 war eine Katastrophe mit Ansage

Viele Menschen tun so, als wäre die Pandemie völlig unerwartet und unverschuldet über den Planeten gekommen. Wie ein Vulkanausbruch, ein Tsunami oder eine vergleichbare Katastrophe. Es mag bequem sein, die Seuche zu einer unerwarteten Naturkatastrophe zu verklären, aber es entspricht nicht der Wahrheit.

Seit Jahren warnen Wissenschaftler weltweit vor den Gefahren von Krankheiten aus dem Tierreich. Auch deutsche Virologen, die in der aktuellen Krise das Ohr der Regierung haben, weisen seit Jahren darauf hin, dass eine Pandemie dieser Größenordnung keine Frage des ‘Ob’ sondern nur des ‘Wann’ sei. Seit rund zehn Jahren gibt es zu dem Thema eine Nationale Forschungsplattform, die Forschungsaktivitäten in Deutschland vernetzen und koordinieren soll. Auch Christian Drosten, der in der Krise zum obersten Virologen der Republik avanciert ist, forscht und publiziert seit rund zwei Jahrzehnten zu diesem Thema.

Der Wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik des Landwirtschaftsministeriums warnte schon 2015 in einem Gutachten: ‚Tierische Lebensmittel bergen grundsätzlich Risiken für die menschliche Gesundheit. Mögliche Beeinträchtigungen der Gesundheit ergeben sich zum einen durch Erreger von Zoonosen, die in den Tierbeständen vorkommen und auf unterschiedlichen Wegen zu den Konsumenten gelangen können, zum anderen durch verschiedene stoffliche Belastungen aus der Tierhaltung sowie durch die Entstehung von Resistenzen gegenüber Medikamenten.‘

Es kann also niemand sagen, der in der Politik Verantwortung trägt, er hätte von nichts gewusst. Warnschüsse in Form von vergleichbaren Krankheiten, die Schaden angerichtet haben aber eingehegt werden konnten, gab es genug. 

Drei von vier Infektionskrankheiten stammen aus dem Tierreich

Schon kurz nach dem Auftauchen des neuartigen Coronavirus konnte das Genom des Virus entschlüsselt werden. Die Wissenschaftler waren sich schnell einig, dass alles auf eine Krankheit aus dem Tierreich hindeutet. Das Virus stamme mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ursprünglich aus dem Reservoir einer Fledermaus. Dabei sei das Virus nicht direkt von der Fledermaus auf den Menschen übergesprungen, sondern über einen Zwischenwirt. Abschließend erforscht ist das noch nicht. Als mögliche Kandidaten für den Zwischenwirt werden das Schuppentier Pangolin sowie Schlangen und Ameisenbären genannt.

Damit ist Covid-19 ist ein erneuter Fall des Phänomens, dass Tierkrankheiten die Artengrenze zum Menschen überspringen. In der Wissenschaft werden Krankheiten, die von Tieren auf den Menschen und vice versa übertragen werden, Zoonosen genannt. Das Wort stammt aus dem Altgriechischen und setzt sich aus den Bestandteilen zōon (Tier) und nose (Krankheit) zusammen. Zoonosen können immer dort entstehen, wo Menschen und Tiere in engem Kontakt zueinander stehen. Zu den möglichen Krankheitserregern gehören Viren genauso wie Bakterien, Pilze und Parasiten. 

Infografik, die zeigt, dass drei von vier neuen Infektionskrankheiten von Tieren stammen

Die Vereinten Nationen gehen davon aus, dass insgesamt 60 Prozent aller heute beim Menschen vorkommenden Infektionskrankheiten zoonotischen Ursprungs sind. Bei vielen Krankheiten liegt der Übersprung der Artengrenze lange Zeit zurück, manchmal Jahrhunderte. Auch Pest, Tuberkulose, Masern und Tollwut sind eigentlich Tierkrankheiten. Manche davon sind inzwischen ausgerottet.

Seit einigen Jahrzehnten hat es die Wissenschaft vermehrt mit sogenannten ‘Emerging Diseases’ zu tun. Das sind ganz neue Viruserkrankungen, die die Menschheit scheinbar plötzlich befallen. Zu diesen ‘Emerging Diseases’ zählen die Virologen neben Covid-19 auch Ebola, Aids und die ebenfalls durch Coronaviren hervorgerufenen Krankheiten SARS und MERS. Dabei stellen die Wissenschaftler eine steigende Geschwindigkeit solcher Spillover-Ereignisse fest und damit auch eine steigende Gefahr für das Auftreten neuer Pandemien.

Von diesen neuen Infektionskrankheiten sollen sogar 75 Prozent zoonotischen Ursprungs sein. Statistisch gesehen tauchen pro Jahr fünf gänzlich neue Krankheiten beim Menschen auf, wovon drei ihren Ursprung im Tierreich haben. Rund 40 zoonotischen Viren traut die Wissenschaft aktuell zu, dass sie weitere Pandemien hervorrufen könnten. Manche Schätzungen gehen sogar davon aus, dass Säugetiere und Vögel mehr als 1,6 Millionen unbekannte Virusarten enthalten können, von denen fast die Hälfte Gesundheitsrisiken für die Menschheit birgt. Dabei sagen viele Experten voraus, dass sich die Abstände zwischen neuen Pandemien deutlich verkürzen werden.

Bekannte Beispiele für Krankheiten aus dem Tierreich

Ein kurzes Schlaglicht auf einige zoonotische Krankheiten und darauf, was die Wissenschaft über ihre Übertragung auf den Menschen weiß:

  • Pest: Die als ‘Schwarzer Tod’ bekannte Krankheit ist die älteste bekannte Pandemie und tötete im 14. Jahrhundert innerhalb kurzer Zeit rund ein Drittel der europäischen Bevölkerung. Die Krankheit ging von Ratten und den auf ihnen sitzenden Flöhen auf den Menschen über. Aufgrund der hygienischen Zustände in den mittelalterlichen Städten konnte die Pest ungehindert wüten und forderte rund 200 Millionen Menschenleben. Mit der Rinderpest und der Schweinepest gibt es auch Varianten der Krankheit im Tierreich.
  • Grippe: Am laufenden Band entstehen in Tieren neue Versionen der Grippe und springen dann auf den Menschen über. Im Mittelpunkt stehen dabei häufig sogenannte Nutztiere aus der Massentierhaltung. Die Spanische Grippe war die dramatischste Pandemie des 20. Jahrhunderts. Zwischen 40 und 50 Millionen Menschen sind ihr 1918 zum Opfer gefallen. Entstanden ist die Krankheit nicht in Spanien, wie der Name vermuten lässt, sondern in den Ställen der US-amerikanischen Schweinehaltung. Auch heutzutage springen ständig neue Grippeviren aus dem Tierreich auf den Menschen über. 2003 brach in China eine neue Variante der Vogelgrippe aus (H5N1), bei der Viren aus Wasservögeln über Hühner an Menschen übertragen wurden. 2009 und 2010 erlebte die Menschheit eine Schweinegrippe-Pandemie (H1N1) mit 200.000 Toten, die von der Massentierhaltung in Mexiko ausging. Das Grippe-Virus bringt in sehr kurzen Abständen neue genetische Varianten hervor. Erst vor wenigen Wochen veröffentlichten Forscher eine Studie über G4, eine neue Art der Schweinegrippe, die das Potenzial haben soll, zu einer weltweiten Pandemie auszuwachsen.
  • Ebola: Das Ebolafieber wurde erstmals 1976 im damaligen Zaire nachgewiesen. In den Jahren 2014 und 2015 erlebte Westafrika eine schlimme Epidemie mit vielen Toten. Mit einer Sterblichkeit von bis zu 90 Prozent gilt Ebola als besonders gefährlich. Es gilt als gesichert, dass das Virus ursprünglich aus Fledertieren stammt, aber seinen Weg zu den Menschen über den Zwischenwirt von Affen gefunden hat. Menschen infizieren sich mit Ebola in der Regel über infiziertes ‚Bushmeat‘, also Fleisch von Affen und anderen Wildtieren.
  • Aids: Das Immunschwächevirus HIV hat seinen Ursprung in einer Unterart von Schimpansen. Schon Anfang des 20. Jahrhunderts ist es vereinzelt von Affen auf Menschen übergegangen. Zu einer globalen Pandemie ist es in den 1980er Jahren geworden. Ausgehend von Westafrika, wo die Menschen Affen als ‘Bushmeat’ verspeisten und sich so mit dem Virus infizierten. Viele Millionen Menschen sind weltweit daran gestorben. Einen Impfstoff gibt es bis heute nicht, allerdings haben sich die Behandlungsmethoden deutlich verbessert, so dass das HI-Virus heute in Gesellschaften mit einem guten Gesundheitssystem kein Todesurteil mehr ist.
  • SARS: Das Schwere Akute Respiratorische Syndrom (SARS) war die erste Pandemie des 21. Jahrhunderts. Der Coronavirus erzeugte eine schwere Lungenentzündung, die begleitet wurde durch Fieber, Husten und Atemnot. Die Wissenschaft vermutet, dass das SARS-Virus aus dem Reservoir der Fledermäuse stammt und auf einem Wildtiermarkt in Guangzhou über einen Larvenroller auf den Menschen übergesprungen ist, das ist eine der Schleichkatze verwandte Art. SARS grassierte in den Jahren 2002 und 2003 und kostete fast 800 Menschen das Leben. Obwohl die Krankheit zu einer weltweiten Pandemie ausgerufen wurde, konnte die Krankheit eingedämmt werden, allerdings erst kurz bevor sie exponentielles Wachstum erreicht hätte. Durch Mutation hat sich die Krankheit im Laufe der Zeit so abgeschwächt, dass sie heute keine Bedrohung mehr für den menschlichen Körper darstellt.
  • MERS: Das Mittelöstliche Atemwegssyndrom (MERS) geht ebenfalls auf einen Coronavirus zurück, der genetisch eng mit SARS verwandt ist. Die Krankheit trat 2012 in der arabischen Welt auf und verursachte schwere Lungenentzündungen und Nierenversagen. Es wird angenommen, dass das Virus ursprünglich aus Fledermäusen stammt, aber von Dromedaren und Kamelen auf den Mensch übertragen wurde, die selbst keine Symptome der Erkrankung zeigten. Die Sterblichkeit war hoch, aber die Krankheit konnte eingedämmt werden.

Diese Liste ließe sich beliebig fortsetzen: Dengue-Fieber. Gelbfieber. Hanta. Malaria. Nipah. Pocken. Rinderwahn. Tollwut. Tuberkulose. West-Nil-Fieber. Zika. Alles Krankheiten, die die Artengrenze überschritten haben, und von Tieren auf Menschen übergegangen sind.

Dass uns nicht schon viel früher eine globale Pandemie mit alttestamentarischer Wucht getroffen hat, war ganz einfach Glück. Ein wesentlicher Grund dafür war, dass andere zoonotische Krankheiten nicht gleichzeitig eine hohe Infektiosität und eine hohe Mortalität hatten. Covid-19 konnte deshalb eine so große Wirkung auf die Gesellschaften in der ganzen Welt entwickeln, weil die Krankheit eine vergleichsweise hohe Infektiosität hat. Die Mortalität ist nach wie vor nicht sonderlich hoch.

Nicht auszumalen, wie es die Menschheit treffen würde, wenn die nächste große Pandemie die Infektiosität von Masern und gleichzeitig die Mortalität von Ebola oder auch nur von der Covid-19-verwandten Krankheit MERS hätte.       

Die Hoffnung auf Impfstoffe für solche zoonotischen Erkrankungen ist verständlich, aber bei Licht betrachtet auch nicht mehr als eine Hoffnung. Für eine Reihe von Krankheiten konnten Impfstoffe gefunden werden und die Krankheiten auch so gut wie ausgerottet werden. Aber im Fall von Ebola hat das 20 Jahre gedauert. Für Aids gibt es bis heute keinen Impfstoff, nur Verbesserungen bei der medizinischen Behandlung. Und auch für die beiden mit Covid-19 verwandten zoonotischen Krankheiten SARS und MERS gibt es bis heute keinen Impfstoff. 

Infografik, die zeigt, dass die Übertragung zum Menschen bei Krankheiten aus dem Tierreich häufig über einen Zwischenwirt verläuft

Fledermäuse – immer wieder Fledermäuse

Bei der Suche nach der eigentlichen Quelle der Viren rücken besonders Fledermäuse und die mit ihnen verwandten Flughunde in den Blick der Forschung. Sie sind die einzigen Säugetiere, die fliegen können, und leben häufig in millionenstarken Kolonien zusammen. Fledertiere haben in den Ökosystemen wichtige Funktionen: Sie bestäuben Kulturpflanzen und halten als Insektenfresser Schädlinge in Schach.

Gerade Coronaviren, aber auch andere Viren haben ihr Reservoir sehr häufig in Fledermäusen. Neben Covid-19 lassen sich auch Ebola, SARS, MERS, das Nipah-Virus und das Hendra-Virus auf Fledermauspopulationen zurückführen. Während die Viren bei den Fledertieren  in der Regel keine Symptome auslösen, können sie das menschliche Immunsystem überfordern und große Schäden ausrichten. 

Dass gerade Fledermäuse so viele zoonotische Viren in sich tragen, heißt nicht unbedingt, dass sie die unreineren Tiere sind. Das überproportionale Auftreten von unbekannten Viren hat vor allem etwas zu tun mit ihrer eigenen Widerstandskraft gegen Viren, mit der enormen Anzahl von Arten (20 Prozent alle Säugetierarten sind Fledermausarten) und der Größe der Populationen. 

Die Übertragung der Krankheiten verläuft meist nicht direkt von dem ursprünglichen Wirtstier auf den Menschen, sondern über einen Zwischenwirt. Diese stecken sich zum Beispiel durch Ausscheidungen von Fledermäusen an. Hierfür kommen grundsätzlich viele Tiere in Frage – sogenannte Nutztiere wie Hühner, Schweine und Pferde genauso wie wildlebende Tiere wie Affen, Schlangen und Schuppentiere.

Auch in Nagetieren und Wasservögeln schlummern häufig Viren, die ihren ursprünglichen Wirten nichts anhaben können, aber den menschlichen Körper ernsthaft schädigen können. 

Zu einem großen Problem für die öffentliche Gesundheit werden die Zoonosen dann, wenn sich die Viren nach dem Überspringen der Artengrenze auch gut von Mensch zu Mensch verbreiten. Dann ist – wenn sich die Verbreitung nicht eindämmen lässt – das Fundament für eine neue Epidemie oder Pandemie gelegt.

Die Fledermaus gilt als größtes Reservoir von zoonotischen Viren
Fledermäuse und Flughünde haben das größte Reservoir an zoonotischen Viren / Jopstock @ Adobe Stock

Wildtiermärkte bieten ideale Bedingungen für Zoonosen  

Bislang konnte nicht bis ins letzte Detail geklärt werden, wie das neue Coronavirus aus dem Tierreich auf den Menschen übergesprungen ist. Es gilt aber als sicher, dass das Infektionsgeschehen seinen Anfang auf dem berüchtigten Wildtiermarkt in Wuhan genommen hat. Auf diesen Wildtiermärkten, von denen es Hunderte in Asien gibt, werden auf der einen Seite tote Tiere angeboten aber auf der anderen Seite auch viele lebende Tiere, die vor den Augen der Kunden getötet und zubereitet.

Der Handel mit Wildtieren hat in China eine lange Tradition. Die Tiere werden nicht nur für den unmittelbaren Verzehr ausgebeutet, sondern in vielen Fällen auch für eine fragwürdige traditionelle Medizin sowie für Kleidung. So werden zum Beispiel die Schuppen des Pangolins in der traditionellen chinesischen Medizin für die Behandlung von Hautkrankheiten eingesetzt.

Die Bedingungen für die Entstehung und Übertragung von Krankheitserregern sind auf diesen Märkten geradezu ideal: Dort finden sich verschiedenste Wild- und sonstige Tiere, eng zusammengepfercht, gestresst und mit geschwächten Immunsystemen. Zudem jede Menge Ausscheidungen und Blut. Dass das irgendwie nicht gesund sein kann, erschloss sich auch den meisten Mitteleuropäern sofort. Daher war auch in Deutschland schnell die Forderung auf dem Tisch, die asiatischen Wildtiermärkte müssten geschlossen werden. Was sie für einen begrenzten Zeitraum wurden.

Auch Nutztiere und Haustiere können Infektionskrankheiten übertragen

Doch die Gesellschaft macht es sich zu einfach, wenn sie nur auf diese Märkte schaut. Die meisten Menschen in Deutschland dürften sich ja gedacht haben: ‘Alles schlimm, aber was bitte habe ich mit irgendwelchen Schuppentieren, Fledermäusen und Märkten in China zu tun? Ich habe jedenfalls noch nie Fledermaussuppe gegessen.’ 

Wild lebende Tiere sind mit mehr als 70 Prozent die größte Quelle für Krankheiten aus dem Tierreich, doch sie sind nicht der einzige Krankheitsherd: Auch die industrielle Massentierhaltung ist regelmäßig Quelle von Infektionskrankheiten, die zu Zoonosen werden. Und schließlich können auch Tiere, die als Haustiere gehalten werden, Krankheiten in sich tragen und auf den Menschen übertragen.

Das Pangolin, der vermutliche Zwischenwirt von Covid-19, auf einem Wildtiermarkt  / Zuma Press @ Alamy Stock

Tierausbeutung provoziert Krankheiten aus dem Tierreich

Die Verbreitung von Krankheiten aus dem Tierreich nimmt in dem Maße zu, in dem der Mensch in den Lebensraum von Tieren vordringt und sich Tiere zu nutzen macht. Durch die immer größere Nähe von Menschen und Tieren steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Krankheiten wie Covid-19 auf den Menschen überspringen. Neben dem Handel auf Wildtiermärkten spielen auch die folgenden Aspekte der Tierausbeutung eine Rolle beim Überspringen der Artenschranke:

  • Hygienische Zustände in der Massentierhaltung:
    Die desolaten hygienischen Zustände in der Viehhaltung und in Schlachtbetrieben begünstigen die Übertragung von Krankheiten. Die Ställe, in denen viele Tiere mit sehr ähnlichem Genmaterial über lange Zeit zusammengepfercht werden und in ihren eigenen Fäkalien stehen, sind wahre Brutstätten für infektiöse Krankheiten. Wenn nur ein Tier unter diesen Bedingungen einen Erreger beherbergt, ist schnell die ganze Herde infiziert. Die Spanische Grippe – als tödlichste Krankheit des letzten Jahrhunderts – stammt aus der Massentierhaltung, nicht aus dem Wildtierhandel. Gleiches gilt für Schweinegrippe, Vogelgrippe, Rinderwahn etc.   
  • Vordringen von Wildtieren zu den Menschen durch Verlust ihres natürlichen Habitats: 
    Die fortschreitende Abholzung der Regenwälder ist unmittelbar verbunden mit dem Fleischkonsum und der Massentierhaltung in den westlichen Industriestaaten. Denn die Regenwälder werden in erster Linie für Weideflächen und für die Produktion von Soja gerodet und abgebrannt. Das Soja wird nicht etwa für Tofu verwendet sondern landet in den Trögen der Tiere in der Massentierhaltung. Schätzungen gehen davon aus, dass in Südamerika allein für den Bedarf an Futtermitteln für Deutschland eine Fläche in der Größe von Hessen gerodet wurde. 
    Tiere, die durch diesen Raubbau nicht sterben, verlieren ihren Lebensraum und kommen den Menschen immer näher. Das zerstört den natürlichen Puffer zwischen der Menschheit und den Wildtieren. Das Nipah-Virus zum Beispiel hat sich verbreitet, nachdem Regenwald in Malaysia gerodet wurde. Dies hat Flughunde vertrieben, die sich einen neuen Lebensraum suchen mussten. Die Flughunde steckten mit ihren Fäkalien und ihrem Speichel Schweine in der Tierhaltung an, welche dann wiederum Bauern infizierten.   
  • Vordringen von Menschen in das natürliche Habitat von Wildtieren:
    Umgekehrt rückt auch der Mensch dem natürlichen Lebensraum von Wildtieren gefährlich nahe. Städte und Dörfer werden bis an die Grenze von Urwäldern herangezogen. Das schafft neue Interaktionen zwischen den Arten und erhöht das Risiko für Zoonosen. Gerade in ärmeren Ländern gehen viele Menschen in den Urwäldern jagen und verspeisen ‚Bushmeat‘ von Affen, Krokodilen und anderen Wildtieren, in denen gefährliche Krankheitserreger schlummern können. Auch die Überfischung der Meere durch ausländische Schiffe in armen Ländern führt dazu, dass sich die Menschen in küstennahen Regionen immer stärker in die Regenwälder zurückziehen, um dort alternative Proteinquellen zu jagen. Dies gilt als eine der wesentlichen Ursachen für die Übertragung von Ebola auf die Menschen in Westafrika vor wenigen Jahren.
  • Schwindende Artenvielfalt begünstigt das Auftreten von Zoonosen:

    Durch menschlichen Einfluss erleben wir gerade ein deutlich beschleunigtes Artensterben. Schätzungen gehen davon aus, dass eine Million Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht sind und dass alle zehn Minuten eine Tierart ausstirbt. Diese schwindende Biodiversität erhöht auch das Pandemierisiko. Darauf haben erst vor wenigen Tagen Wissenschaftler des Umweltprogramms der Vereinten Nationen hingewiesen. Sie legen dar, dass der sich verkleinernde Genpool in der Massentierhaltung sehr anfällig für Infektionen sei. Zudem weisen sie darauf hin, dass auch in der freien Natur genetische Vielfalt wichtig sei für die Widerstandsfähigkeit des Ökosystems. Durch den drohenden Exodus von Tierarten am oberen Ende der Nahrungskette verschwinden natürliche Fressfeinde von Tieren wie Ratten und Insekten mit hohem zoonotischen Potenzial. Diese können sich dadurch ungebremst verbreiten, und mit ihnen steigt das Infektionsrisiko für die Menschen.

  • Folgen des Klimawandels:
    Auch der Klimawandel befeuert das Auftreten von neuen Krankheiten aus dem Tierreich. Viele Krankheiten – dazu gehören zum Beispiel Malaria, Denguefieber, Rifttalfieber, West-Nil-Fieber und Zika – werden nicht durch die Ausscheidungen von Tieren übertragen, sondern durch Bisse von Mücken, Zecken und anderen Blutsaugern. Diese sogenannten Vektoren nehmen die Krankheiten von infizierten Tieren wie Fledermäusen oder Nagetieren in sich auf und geben sie durch einen Stich an den Menschen weiter. Je weiter der Klimawandel voranschreitet, desto stärker fassen diese Tiere auch in Europa Fuß. In Deutschland und in Österreich kommen inzwischen Arten wie die Tigermücke vor, die anders als die heimischen Stechmücken gefährliche Krankheiten übertragen können. Damit werden diese Tropenkrankheiten auch hier in Mitteleuropa zu einem größeren Problem.

  • Multiresistente Keime durch Antibiotikaresistenz:
    Eine weitere Gefahr, die unmittelbar von der Massentierhaltung auf die öffentliche Gesundheit ausgeht, ist die Bedrohung durch multiresistente Keime. Da in der Tierhaltung Antibiotika nicht nur im konkreten Krankheitsfall verabreicht werden, sondern häufig präventiv und flächendeckend in der ganzen Herde, schwindet die Wirkung von Antibiotika bei den Tieren und den Menschen. Bis zu 80 Prozent der weltweit verfügbaren Antibiotika werden in der Massentierhaltung eingesetzt, nicht in der Humanmedizin. Die WHO warnt seit Jahren, dass dies ganz maßgeblich zur Entstehung neuer Seuchen beitragen kann, gegen die dann kein Kraut mehr gewachsen ist. Schon heute sterben allein in Deutschland jedes Jahr eine fünfstellige Anzahl von Menschen in den Krankenhäusern an den Auswirkungen von multiresistenten Keimen.   

Infografik, die zeigt, dass Krankheiten aus dem Tierreich sowohl von Wildtieren als auch von Nutztieren stammen

Momentum für notwendige Veränderungen droht zu verpuffen

Es ist erstaunlich, wie viele Leute sich medial zu Wort melden, um diesem ganzen Covid-19-Desaster irgendetwas Positives abzugewinnen – sei es nun die Entschleunigung des persönlichen Lebens, Innovationsdruck bei der Digitalisierung oder die Chimäre einer angeblichen Erholung der Natur (deren Wirkung sehr schnell wieder verpufft, nur um dann festzustellen, dass die Ressourcen für eine ökologische Transformation nun für Krisenbewältigung verbraucht wurden). Wenn dieses ganze Fiasko überhaupt irgendeinen Sinn haben könnte, dann wohl einen anderen Blick darauf, wie wir Menschen mit Tieren umgehen. 

Die eigentlich logische Konsequenz aus dem Covid-19-Drama wäre es, unberührte Lebensräume unberührt zu lassen und den Kontakt zwischen Menschen und Tieren zu reduzieren. Durch weniger Entwaldung, durch ein Ende des Wildtierhandels, durch eine deutliche Reduktion des Verzehrs von Tieren und durch den Rückbau der Massentierhaltung.

Doch – let’s face it – es sieht nicht danach aus, als wenn das auch nur ansatzweise passiert. In China werden die Wildtiermärkte allmählich wieder geöffnet, genau wie bei der SARS-Epidemie 2003. Die deutschen Schlachtbetriebe werden ohne Zweifel in wenigen Wochen alle wieder ihre Arbeit aufnehmen, und neben kleinen kosmetischen Korrekturen bei den Arbeitsbedingungen für ausländische Arbeiter wird sich gar nichts ändern. Und Attila Hildmann sorgt im Alleingang dafür, dass die Covid-19-Krise dem Ansehen des Veganismus in der Bevölkerung eher schadet als nützt.

Es wäre eher überraschend, wenn die Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft nach der aktuellen Pandemie – und vor der nächsten Pandemie – tatsächlich an den Ursachen für Krankheiten aus dem Tierreich ansetzen würden. Erst vor wenigen Tagen hat die Politik mitten in der Pandemie parteiübergreifend die desolaten Haltungsbedingungen in der deutschen Schweinezucht für etliche Jahre weiter verlängert.  

Den richtigen Ton finden

Damit das Thema trotzdem nicht unter den Tisch fällt, müssen kritische Stimmen weiter eine Auseinandersetzung mit dem Mensch-Tier-Verhältnis einfordern und insbesondere auf den Zusammenhang zwischen Tierausbeutung und neuen Seuchen hinweisen. Etwas bringen wird das aber nur, wenn die Debatte den richtigen Ton trifft. Überzeugten Fleischessern vorwurfsvoll unter die Nase zu reiben, dass die nächste Pandemie auf ihr Konto geht und dass sie mit ihrem Verhalten die öffentliche Gesundheit gefährden, wird nur begrenzt dabei helfen, kritisches Bewusstsein für das Thema zu wecken.

Das zeigt ein Tweet von PETA, der aus der Zeit stammt, in der die Pandemie gerade erst begonnen hat und noch keine flächendeckenden Lockdowns auf der ganzen Welt verfügt worden waren. Der Tweet mag unterhaltsam sein, aber die vernichtenden Kommentare im Twitter-Thread zeigen, dass die Verdrängungs- und Abwehrmechanismen der omnivoren Gesellschaft auch in der aktuellen Coronakrise bestens funktionieren.

Tweet von PETA, bei dem das Wort Coronavirus als Anagramm von Carnivorous dargestellt wird

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